Hacker heizen Kühlregale auf: Händler müssen Fernwartung absichern
In der Nacht zum 2. November wurden Kühl- und Gefrieranlagen in Supermärkten in Belgien, Schweden, Irland und weiteren Ländern aus der Ferne verstellt, drei Wochen nach einem ähnlichen Angriff auf Hunderte Märkte in Frankreich.
Die Angreifer zielen nicht auf Kassen oder Kundendaten, sondern auf die Steuerung von Kühltechnik, die über das Internet erreichbar ist. Der Schaden entsteht sofort, als verdorbene Ware und geschlossene Filialen.
Was passiert ist
In Belgien meldete Delhaize einen IT-Vorfall an den Kühl- und Gefrieranlagen von rund 40 Märkten, Carrefour Belgien Probleme an 15 Standorten; die Temperaturen stiegen laut Brussels Times auf etwa 15 Grad. In Schweden wurden in einem ICA-Markt in Sjöbo die Sollwerte auf 50 Grad gesetzt, der Laden schloss vorübergehend, auch Coop meldete betroffene Filialen. In Irland bestätigte der Händler Musgrave Störungen in 13 SuperValu-Märkten. Berichte nennen außerdem Luxemburg, die Niederlande, Finnland und Estland. Mitte Oktober waren in Frankreich mehrere Hundert Märkte betroffen, je nach Bericht zwischen 150 und 700; dort richteten sich die Angriffe laut Cybernews gegen ältere Versionen einer Steuerungssoftware für Danfoss-Kühlregler, die französische Cyberbehörde ANSSI nahm Kontakt zum Hersteller auf. Danfoss hatte 2025 Updates veröffentlicht und rät, verwundbare Regler vom offenen Internet zu trennen. Ob in allen Fällen dieselbe Lücke genutzt wurde, ist nicht bestätigt. Bekennerschreiben oder Lösegeldforderungen sind nicht bekannt. Ahold-Delhaize-Chef Stephan Moelans sagte, die Anlagen müssten physisch umgebaut werden; die schnellste Übergangslösung sei eine gesicherte Verbindung.
Was daraus folgt
Der Fall verschiebt das Risiko in einen Bereich, den viele Unternehmen nicht zur IT zählen: Gebäude- und Anlagentechnik, die von Dienstleistern aus der Ferne gewartet wird. Der belgische Kältetechniker Sabcobel hatte nach den französischen Angriffen begonnen, die von ihm betreuten Anlagen abzusichern; rund 10 Prozent waren laut Retail-News noch ungeschützt, als die neuen Angriffe kamen. EU-Agrarkommissar Christophe Hansen äußerte sich besorgt, eine breite Störung der Lebensmittelversorgung ist bisher nicht belegt. Einordnung: Aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sind keine Fälle gemeldet. Vergleichbare vernetzte Kühlsteuerungen stecken aber auch in Kühlhäusern, Logistik und Gastronomie. Für Versicherer und Händler stellt sich damit die Frage, wer haftet, wenn ein Wartungszugang des Dienstleisters das Einfallstor war.
Was sich konkret ändert
- Händler
- Kühlsteuerungen, die direkt aus dem Internet erreichbar sind, gelten als Einfallstor; Ahold Delhaize nennt eine gesicherte Verbindung als schnellste Abhilfe.
- IT-Abteilungen
- Fernwartungszugänge von Dienstleistern für Kühl- und Gebäudetechnik gehören in die Liste kritischer Systeme, mit Updates und Zugangsschutz.
- Kunden
- Eine breite Versorgungsstörung ist nicht belegt; betroffene Märkte haben Ware entsorgt und teils vorübergehend geschlossen.
Worauf zu achten ist
- Warnungen von BSI oder ENISA zu vernetzten Kühlsteuerungen
- Zuordnung der Angriffe durch Ermittler oder ein Bekennerschreiben
- Meldungen aus deutschen, österreichischen oder Schweizer Märkten
Quellen
- Brussels Times: Suspected cyberattack hits fridges and freezers at dozens of Belgian supermarkets
- Tom's Hardware: Supermarket freezers across Europe struck in second cyberattack
- Retail-News: Neue Cyberangriffe, Hacker greifen Supermärkte in sieben Ländern an
- NL Times: Cyberattack hits Delhaize supermarket fridges at dozens of Belgium locations
- Cybernews: Hackers turn up supermarket fridges to 50°C (Frankreich, Danfoss)